Impulse und Ideen
für Krisenzeiten, für herausfordernde Momente und Lebensumstellungen
Suche

Kinder lassen sich nicht wegorganisieren

Mütter und Väter reiben sich seit Wochen zwischen Homeoffice, Haushalt und Homeschooling auf und werden dafür auch noch abgewertet.


Also zumindest wenn man so mache Threads in den Sozialen Medien mitliest, zeigt sich ein erschreckendes Bild. Hier ein Beispiel:


"Wenn Eltern nur froh sind, wenn sie ihre Kinder endlich wieder in Kindergarten und Schule abschieben können, dann hätten sie keine Kinder bekommen dürfen! Meine Meinung."

Ein solches Statement zeugt von wenig Weitwinkel auf die Erlebniswelt anderer Menschen und ist gleichzeitig eine grobe Verallgemeinerung. Sie impliziert auch die Selbsterhöhung der aussagenden Person, egal ob diese selbst Kinder hat oder nicht: sie weiß es jedenfalls besser und maßt sich an, andere zu bewerten. Das obligatorisch hinten angehängte "Meine Meinung" impliziert jedoch entgegen der vorher krass ausgedrückten Abwertung, ein feiges Schwanzeinziehen - denn wer sollte es in einer Demokratie wagen, die Meinungsfreiheit eines anderen anzugreifen?


Ich halte es für eine grobe Frechheit, Eltern zu unterstellen, ihre Kinder in Betreuungseinrichtungen "abzuschieben". Aus mehreren Gründen:

  1. Kinder brauchen Kinder, um Kind zu sein und sie brauchen Erwachsene, um zu lernen, erwachsen zu werden. Spielen, Lernen, Austausch unter Gleichgesinnten, Gleichaltrigen ist ein lebenslanges Bedürfnis. Momentan (Corona-Quarantäne) gibt es Kinder, die so heftig auf diesen Entzug reagieren, dass sie depressiv werden!

  2. Das 50er Jahre Modell von Mutti am Herd haben Frauen vor Jahrzehnten mit aller Kraft aufgesprengt, sich die Freiheit erkämpft, ihre Unabhängigkeit von den Männern durch eigene Erwerbstätigkeit zu erlangen. Vor Corona war es außerdem in den allermeisten Familien auch wirtschaftlich notwendig, dass zwei Einkommen das Alltagsleben und unsere Konsumgesellschaft finanzieren - es geht also nicht nur um Freiheit oder Selbstverwirklichung!

  3. Wie zynisch ist es doch, zu denken, dass Job-Professionalität sich mit einem Kind am Schoß, einem sich am Boden Wälzenden und akkurat ausgeführter Schulunterricht gleichzeitig bewerkstelligen ließen! Und zwar über Wochen und Monate lang, jeden Tag aufs Neue. Es hat einen jetzt sehr offensichtlichen Grund, weshalb wir normalerweise unsere Kinder nicht mitnehmen in die Arbeit!


Es ist ja schon ohne Quarantäne für viele eine riesen Herausforderung, alles unter einen Hut zu bekommen: Kinder, Haushalt, Beziehung, Job, Verwandschaft, Sozialleben, Gesundheit, Fitness, Ernährung, Freizeitgestaltung, Hobbies, Schule/Hausaufgaben, und noch 100erte Kleinigkeiten, die darunter fallen und doch auch dazugehören.


Ich bin heilfroh, dass nun Gottseidank die Regierung Klartext gesprochen hat über die Fehlauslegungen von manchen Kindergärten und Schulen, die, (in Österreich) zumindest teilweise schriftliche Bestätigungen von Arbeitgebern verlangt haben und ansonsten die Kinder nicht angenommen haben. Und das obwohl es in Österreich von Anfang an erlaubt war.


Dann kam die Phase, wo einige Eltern sehr wohl begriffen haben, dass sie diese Möglichkeit haben und nutzen dürfen, jedoch wäre ihr Kind dann alleine in der Schule gesessen, weil alle anderen unter Aufbietung alles Kräfte, die Kinder zu Hause ließen. Das war die Phase, wo so etwas wie Bashing wahrnehmbar war für die "Verantwortungslosen", die ihr Kind einfach in die Schule schicken, statt es daheim zu lassen.


Merkt irgendjemand, wie viel Wertung da drin steckt? Genauer gesagt Abwertung Anderer, die anders denken, anders fühlen, anders handeln?

So wenig Selbstwert, so viel verbale Gewalt, so viel (passiv) aggressives Gedankengut zeigt sich ... natürlich wusste ich auch vorher, dass das gegenwärtige und zutiefst menschliche Dinge sind. Dennoch ist es erschreckend, weil wir doch alle im selben Boot sitzen! Wir sind doch miteinander verbunden, wir teilen unser System! Wir sind eine Gesellschaft. Und selbst Corona ist unsere gemeinsame Sache....


Es könnte doch auch sein, dass wir als Gesellschaft aus dieser Erfahrung lernen! Immerhin sind wir offenbar in der Lage, aufeinander zu schauen, aus Rücksicht auf andere zu Hause zu bleiben. Vielleicht schaffen wir es auch in anderer Hinsicht aufeinander zu schauen, nämlich z.B. freundlich, wertschätzend oder zumindest gleichwürdig. Das wäre doch mal was!


Kinder lassen sich nicht wegorganisieren. Sie sind nämlich Menschen, und keine Dinge oder Angelegenheiten, sondern soziale Wesen, die Bedürfnisse haben. Je jünger sie sind, umso stärker leben sie im Jetzt und haben Null Verständnis für die Prognosen der Krise. Sie brauchen Zuwendung, Betreuung, Aufmerksamkeit, .... sozialen Kontakt, denn daraus lernen Sie wie das Leben geht.

Erwachsene sind auch Menschen. Sie haben genauso Bedürfnisse, können jedoch mit Vernunft und Weitsicht ihre Impulse kontrollieren, Gefühle regulieren und selbstbestimmt ihre Eigenverantwortung wahrnehmen. Trotzdem haben auch sie ihre Grenzen. Und diese braucht man echt nicht mit Gewalt überschreiten, indem man Übermenschliches von ihnen verlangt.


Meine Meinung. ;-)


Termin buchen



579 Ansichten

+436764770998

TEAMVILLA Korneuburg
2100 Korneuburg, Bisamberger Straße 15/1

Praxisgemeinschaft mit Alva Sokopp
1190 Wien, Nusswaldgasse 22a/1/1 (bei Wirth läuten)

©2019 by Beziehungshaus.at. IMPRESSUM / Datenschutzerklärung